Strange Things

Mein Leben im Zuschauerraum

Eigentlich wollte ich mir nur ein Samsung Fold kaufen.

Also gut, nicht direkt kaufen. Aber Samsung hatte mir eine Werbemail geschickt und ich dachte: Na komm, gucken kostet ja nichts. Zwei Stunden später saß ich immer noch am Esstisch und hatte plötzlich überhaupt keine Lust mehr auf ein neues Handy. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass mit meiner Freizeit irgendwas nicht stimmt.

Ich komme nach der Arbeit nach Hause, kaufe noch schnell Hundefutter, gehe einkaufen, räume alles weg, gehe mit Eddie raus, esse irgendwas und denke jedes Mal: Jetzt beginnt mein Abend. Tut er aber gar nicht. Mein Abend besteht daraus, dass ich mich mit dem Handy auf den Sessel setze, irgendein bescheuertes Handyspiel spiele und nebenbei YouTube gucke.

Und irgendwann gehe ich ins Bett und frage mich ernsthaft, wie das sein kann, dass ich den ganzen Abend nichts gemacht habe.

Dabei stimmt das ja nicht einmal. Natürlich habe ich etwas gemacht. Ich habe gearbeitet, war einkaufen, bin mit Eddie rausgegangen und habe den Haushalt ein bisschen gemacht. Aber nichts davon fühlt sich nach dem an, woran ich mich später erinnern möchte.

Das Verrückte ist: Ich habe alles da. Wirklich alles. Ich habe fantastische Acrylfarben. Gute Pinsel. Die Polychromos, die ich mir immer gewünscht habe. Ein iPad mit Procreate. Zeichenkurse. Bücher. Einen Kindle. Eigentlich fehlt mir nichts.

Der Kindle ist übrigens auch so eine Geschichte. Den wollte ich unbedingt haben. Ich habe mir vorgestellt, wie ich im Garten sitze und gemütlich lese. Oder im Zug nach Berlin. Tatsächlich war der Kindle sogar mit in Berlin. Gelesen habe ich genau 0 Seiten. Ich hab im Zug Handyspiele gespielt oder geschlafen.

Und jetzt wird es komisch.

Lesen scheint nämlich gar nicht das Problem zu sein. In diesen Handyspielen wird mir ständig Werbung für irgendwelche Werwolf-Geschichten angezeigt. Alpha hier, Schicksalsgefährtin da. Ich habe mir tatsächlich zwei dieser Apps heruntergeladen und bei einer sogar zehn Euro bezahlt, weil ich unbedingt wissen wollte, wie die Geschichte weitergeht. Ich kann also problemlos stundenlang lesen – solange der Text auf meinem Handy ist. Sobald ich dafür den Kindle in die Hand nehmen müsste, fühlt es sich plötzlich an, als würde ich meine Freizeit unterbrechen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto absurder finde ich das eigentlich.

Vielleicht ist genau das mein Problem. Mein Handy ist für mich inzwischen Freizeit geworden. Alles, was nicht auf diesem kleinen Bildschirm stattfindet, fühlt sich an, als würde es mir Zeit wegnehmen. Dabei ist es genau andersherum.

Ich habe heute gemerkt, dass ich gar kein neues Handy möchte. Wahrscheinlich wäre ich drei Tage begeistert von einem Fold und danach würde es mich nerven, das Ding ständig aufzuklappen. Was ich eigentlich möchte, ist etwas ganz anderes.

Ich möchte irgendwann auf ein Bild zeigen und sagen: Das habe ich gemalt.

Oder ein Buch in die Hand nehmen und sagen: Das habe ich geschrieben.

Oder jemand schickt mir eine Nachricht und schreibt: Deine Kolumne heute hat mich echt zum Nachdenken gebracht.

Ich glaube, darum geht es mir. Nicht darum, das neueste Handy zu besitzen oder noch mehr Material zu kaufen. Sondern darum, endlich mehr Zeit damit zu verbringen, selbst etwas zu erschaffen, anstatt jeden Abend nur zuzusehen, was andere erschaffen haben.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich manchmal fühle, als würde ich mein eigenes Leben aus dem Zuschauerraum verfolgen.

Und ganz ehrlich?

Das ist ein ziemlich beschissener Platz.

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