Strange Things

Dann mach doch einfach!

Als ich Mein Leben im Zuschauerraum geschrieben habe, war ich ziemlich zufrieden. Nicht, weil ich dachte, dass ich den Artikel besonders gut hinbekommen hätte, sondern weil ich endlich das Gefühl hatte, etwas aufgeschrieben zu haben, das schon lange in meinem Kopf herumspukt.

Bis mir plötzlich ein Gedanke kam.

Kein Mensch wird verstehen, was ich eigentlich sagen will.

Die meisten werden den Artikel lesen und sich denken: „Ja, dann leg das Handy halt weg. Dann mal doch dein Bild. Dann schreib dein Buch. Dann mach doch einfach.“

Und weißt du was?
Sie haben recht.
Genau das müsste ich tun.

Das Verrückte ist nur: Das war nie das Problem.

Ich weiß, dass ich das Handy weglegen sollte. Ich weiß, dass der Papagei sich nicht von alleine fertig malt und dass meine Buchideen nicht irgendwann nachts heimlich zu Romanen werden. Ich weiß sogar ziemlich genau, was ich tun müsste. Wahrscheinlich genauer als viele andere.

Wenn Wissen reichen würde, hätte ich längst mehrere Bücher geschrieben.

Während ich diesen Satz schreibe, fällt mir auf, wie absurd das eigentlich klingt. Ich sitze hier ernsthaft und erkläre, warum ich Dinge nicht mache, obwohl ich sie machen möchte. Jeder normale Mensch denkt sich wahrscheinlich: „Dann hör auf zu reden und fang an.“

Ich wünschte, mein Gehirn würde so funktionieren.

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich die Diagnose ADHS bekommen. Rückblickend hat plötzlich unglaublich viel Sinn ergeben. Warum ich ständig neue Ideen habe. Warum ich mich stundenlang in Themen verlieren kann, die mich interessieren. Warum ich manchmal an einem Abend drei Geschäftsideen entwickle und gleichzeitig seit Wochen an demselben Bild vorbeilaufe.

Die Diagnose war eine Erleichterung.
Sie war aber leider keine Fernbedienung. Am nächsten Morgen funktionierte mein Gehirn nämlich genauso wie am Tag davor.

Ich habe bis heute keine Medikamente. Nicht, weil ich keine möchte, sondern weil ich erst einmal einen Arzt finden müsste, der mich weiter behandelt. Und jetzt kommt der Teil, den viele Menschen nicht nachvollziehen können.

„Dann such dir doch einen.“
Ja. Das müsste ich.
Aber genau solche Aufgaben sind für mich oft die schwersten. Fremde Ärzte suchen. Telefonieren. Termine vereinbaren. Unterlagen zusammensuchen. Dranbleiben. Das sind alles Dinge, die mein Gehirn behandelt, als hätte ich beschlossen, morgen den Mount Everest zu besteigen.

Von außen sieht das lächerlich aus.
Von innen fühlt es sich riesig an.
Das ist das Gemeine an ADHS.

Die meisten Menschen stellen sich vor, man sei einfach unorganisiert oder leicht ablenkbar. Das gibt es natürlich auch. Aber für mich fühlt es sich oft eher so an, als würde zwischen einem Gedanken und der Handlung eine unsichtbare Wand stehen.

Ich möchte malen.

Wirklich.

Ich freue mich sogar darauf.

Ich weiß genau, welches Bild ich als Nächstes weitermachen möchte. Ich weiß, welche Farben ich benutzen werde. Ich habe die Pinsel. Ich habe die Leinwand. Ich habe den Platz.

Und trotzdem sitze ich eine Stunde später auf YouTube und schaue einer Frau in Thailand dabei zu, wie sie ihr Bett streicht. Übrigens völlig falsch in meinem Kopf. Sie streicht die Metallstreben unter der Matratze, aber nicht den Rahmen. Falls dich das jetzt aufregt: Willkommen in meinem Gehirn.

Ich lache darüber. Meistens jedenfalls.
Denn irgendwann kommt der Moment, in dem ich merke, dass schon wieder ein Abend vorbei ist.
Nicht, weil ich nichts getan hätte. Sondern weil ich wieder alles getan habe – außer dem, was ich eigentlich tun wollte.

Das ist der Teil, den ich mit Mein Leben im Zuschauerraum beschreiben wollte.

Es geht gar nicht darum, dass ich YouTube schaue oder am Handy hänge. Es geht darum, dass ich am Ende eines Tages das Gefühl haben möchte, etwas geschaffen zu haben. Ich möchte auf ein Bild zeigen und sagen können: „Das habe ich gemalt.“ Ich möchte irgendwann ein Buch im Regal sehen und wissen, dass ich jede Seite selbst geschrieben habe. Und ich möchte vielleicht sogar, dass irgendwann jemand sagt: „Die Kolumne hat mich zum Nachdenken gebracht.“

Nicht, weil ich berühmt werden möchte. Sondern weil ich etwas hinterlassen möchte, das vorher nicht da war.
Vielleicht liest jemand den ersten Artikel und denkt immer noch: „Dann mach doch einfach.“
Ich nehme ihm das nicht übel. Vor meiner Diagnose hätte ich wahrscheinlich ähnlich gedacht.
Heute weiß ich, dass zwischen „Ich möchte das machen“ und „Ich mache das jetzt“ bei mir oft ein verdammt weiter Weg liegt.

Aber ich weiß inzwischen auch noch etwas anderes.

Diese Kolumne gibt es.
Mein Leben im Zuschauerraum gibt es auch.
Beide waren irgendwann nur Gedanken in meinem Kopf. Gedanken, die genauso gut dort hätten bleiben können. Sind sie aber nicht. Vielleicht ist das kein riesiger Erfolg.
Vielleicht ist es für andere nicht einmal besonders bemerkenswert.
Für mich ist es trotzdem ein Anfang.

Und vielleicht sollte ich mich daran öfter erinnern, wenn mein Gehirn mir wieder einreden will, dass ich heute sowieso nichts mehr anfangen brauche.

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